Ausgabe vom

taeglichinformiert.de

Kategorie Technische Dokumentation

Technische Dokumentation übersetzen richtig

Technische Dokumentation übersetzen erfordert präzise Terminologie, passende Werkzeuge und Normkenntnis – hier erfahren Sie, wie das gelingt.

Technische Dokumentation übersetzen richtig

Wer technische Dokumentation übersetzen möchte, muss weit mehr leisten als Wörter von einer Sprache in eine andere zu übertragen: Fachbegriffe müssen konsistent bleiben, Sicherheitshinweise dürfen keinen Interpretationsspielraum lassen, und Formatierungen wie Tabellen oder Nummerierungen müssen in der Zielsprache genauso funktionieren wie im Original. Eine Übersetzung technischer Dokumentation gilt nur dann als richtig, wenn ein Leser im Zielland damit ebenso sicher und fehlerfrei arbeiten kann wie mit dem Ausgangstext. Der folgende Beitrag zeigt, welche Schritte, Werkzeuge und Prüfmechanismen dafür nötig sind – anhand eines konkreten Beispiels wird das Prinzip greifbar.

Was macht eine Übersetzung technischer Dokumentation besonders anspruchsvoll?

Technische Texte unterscheiden sich grundlegend von Marketing- oder Alltagstexten. Sie enthalten feststehende Fachbegriffe, wiederkehrende Satzmuster und oft rechtlich bindende Formulierungen, etwa in Warnhinweisen oder Konformitätserklärungen. Eine Übersetzung, die stilistisch schön klingt, aber einen Begriff uneinheitlich verwendet, kann in der Praxis zu Fehlbedienung, Reklamationen oder sogar Unfällen führen.

Hinzu kommt, dass technische Dokumentation häufig in mehrere Sprachen gleichzeitig übersetzt wird – für Handbücher, Datenblätter, Softwareoberflächen oder Wartungsanleitungen, die alle aufeinander abgestimmt bleiben müssen. Wird ein Begriff in einer Sprachversion anders übersetzt als in einer anderen, entstehen Inkonsistenzen, die spätestens im Support oder bei der nächsten Produktversion auffallen und teuer nachgebessert werden müssen.

Wichtige Merkmale, die eine fachgerechte Übersetzung ausmachen:

  • Terminologietreue: Ein Fachbegriff wird im gesamten Dokument und über alle Sprachversionen hinweg immer gleich übersetzt.
  • Eindeutigkeit: Handlungsanweisungen lassen keine zweite Lesart zu, besonders bei Sicherheits- und Warnhinweisen.
  • Formaltreue: Nummerierungen, Verweise auf Abbildungen und Tabellenstrukturen bleiben erhalten.
  • Kulturelle und rechtliche Anpassung: Maßeinheiten, Normverweise oder gesetzliche Vorgaben werden an das Zielland angepasst, ohne den technischen Inhalt zu verändern.

Welche Voraussetzungen braucht eine gelungene Übersetzung technischer Dokumentation?

Bevor überhaupt ein Satz übersetzt wird, sollten einige Grundlagen stehen. Ohne sie driften selbst gute Übersetzer im Laufe eines längeren Projekts unweigerlich in Uneinheitlichkeit ab.

Ein zentrales Werkzeug ist die Terminologiedatenbank: eine Liste aller Fachbegriffe des Produkts oder der Branche, jeweils mit der verbindlichen Übersetzung, einer Definition und gegebenenfalls verbotenen Alternativbegriffen. Sie wird vor Projektbeginn erstellt oder aus bestehenden Dokumenten abgeleitet und während der Übersetzung laufend gepflegt.

Ebenso wichtig ist ein Translation-Memory-System (kurz TM), eine Software, die bereits übersetzte Sätze speichert und bei ähnlichen oder identischen Formulierungen automatisch vorschlägt. Das spart nicht nur Zeit, sondern sorgt vor allem dafür, dass wiederkehrende Passagen – etwa Sicherheitshinweise, die in jedem Kapitel auftauchen – überall wortgleich übersetzt werden.

Weitere Voraussetzungen, die in der Praxis oft unterschätzt werden:

  • Ein Styleguide, der Tonalität, Anrede, Zeitform und Satzbau für die Zielsprache festlegt.
  • Zugriff auf den Kontext: Screenshots, technische Zeichnungen oder das reale Produkt helfen, Mehrdeutigkeiten aufzulösen, die aus dem reinen Text nicht ersichtlich sind.
  • Fachliche Qualifikation: Übersetzerinnen und Übersetzer für technische Dokumentation sollten mit der jeweiligen Branche – Maschinenbau, Medizintechnik, Softwareentwicklung – vertraut sein.
  • Kenntnis relevanter Normen, etwa wenn Sicherheitsanleitungen bestimmten Formulierungsvorgaben unterliegen.

Fehlt eine dieser Grundlagen, zeigt sich das meist erst spät im Prozess – wenn die Korrektur deutlich aufwendiger ist, als es die vorbereitende Arbeit gewesen wäre.

Wie läuft die Übersetzung technischer Dokumentation Schritt für Schritt ab?

Ein strukturierter Ablauf verhindert, dass wichtige Prüfschritte übersprungen werden. In der Praxis hat sich folgender Ablauf bewährt:

  1. Textanalyse und Vorbereitung: Der Ausgangstext wird auf Klarheit und Konsistenz geprüft. Unklare oder mehrdeutige Formulierungen sollten idealerweise schon vor der Übersetzung mit den Autoren geklärt werden, denn jede Unklarheit im Original vervielfacht sich in jeder Zielsprache.
  2. Terminologieabgleich: Bestehende Terminologiedatenbanken werden aktualisiert oder neu angelegt, insbesondere bei neuen Produktfunktionen oder Bauteilen.
  3. Übersetzung mit CAT-Tool: Die eigentliche Übersetzung erfolgt in einem CAT-Tool (Computer-Assisted-Translation-Tool), das Translation Memory und Terminologiedatenbank direkt einbindet und Abweichungen markiert.
  4. Fachliche Prüfung: Eine zweite Person mit technischem Hintergrund prüft die Übersetzung auf inhaltliche Richtigkeit – sie muss nicht zwingend Übersetzerin sein, aber die Materie kennen.
  5. Sprachliches Lektorat: Eine Muttersprachlerin oder ein Muttersprachler der Zielsprache prüft Grammatik, Lesbarkeit und Stil, ohne inhaltliche Änderungen vorzunehmen.
  6. Layout- und Funktionsprüfung: Da übersetzte Texte oft länger oder kürzer werden als das Original, muss geprüft werden, ob Tabellen, Grafiken und Seitenumbrüche noch passen – dieser Schritt wird häufig als DTP (Desktop-Publishing) bezeichnet.
  7. Freigabe: Erst nach dieser mehrstufigen Prüfung wird das Dokument veröffentlicht oder gedruckt.

Bei umfangreichen Projekten mit vielen Zielsprachen lohnt es sich, diesen Prozess für jede Sprache parallel, aber mit denselben Werkzeugen und derselben Terminologiebasis laufen zu lassen. So bleiben alle Sprachversionen inhaltlich synchron, selbst wenn sie von unterschiedlichen Personen bearbeitet werden.

Beispiel technische Dokumentation: So sieht eine korrekte Übersetzung aus

Ein Beispiel macht den Unterschied zwischen einer nur sprachlich richtigen und einer fachlich korrekten Übersetzung deutlich. Angenommen, der deutsche Ausgangstext einer Bedienungsanleitung lautet:

„Vor dem Austausch der Sicherung ist das Gerät vollständig vom Netz zu trennen. Andernfalls besteht Stromschlaggefahr.“

Eine unsaubere Übersetzung ins Englische könnte lauten: „Before changing the fuse, disconnect the device.“ Sprachlich ist das nicht falsch – aber es fehlt die Verbindlichkeit des deutschen „vollständig“ sowie die klare Konsequenzbenennung. Eine fachlich korrekte Übersetzung technischer Dokumentation lautet stattdessen:

„Before replacing the fuse, disconnect the device completely from the power supply. Failure to do so may result in electric shock.“

Der Unterschied liegt in Details, die bei technischen Texten entscheidend sind: „completely“ überträgt die Verbindlichkeit des Originals, „power supply“ ist der in der Zielsprache übliche Fachbegriff statt einer wörtlichen Übersetzung von „Netz“, und die Formulierung der Warnung folgt dem international üblichen Muster für Sicherheitshinweise („Failure to do so may result in …“), das Leser aus anderen technischen Dokumenten bereits kennen.

Ähnliche Sorgfalt gilt für scheinbar simple Elemente wie Maßangaben oder Bauteilbezeichnungen. Wird in einer Wartungsanleitung an einer Stelle von der „Sicherung“ und an anderer Stelle vom „Schmelzeinsatz“ gesprochen, obwohl beide Begriffe dasselbe Bauteil meinen, entsteht beim Leser unnötige Verwirrung. In der Terminologiedatenbank wird deshalb pro Bauteil genau ein Zielbegriff festgelegt, an den sich alle Übersetzerinnen und Übersetzer halten – unabhängig davon, wie elegant eine Alternativformulierung klingen mag.

Typische Fehler bei der Übersetzung technischer Dokumentation

Selbst erfahrene Teams stolpern über wiederkehrende Fallstricke. Wer sie kennt, kann sie gezielt vermeiden.

  • Wörtliche Übersetzung von Idiomen und Redewendungen: Technische Texte sollten grundsätzlich sachlich formuliert sein, aber wo Redewendungen vorkommen, führt eine wörtliche Übertragung oft zu unfreiwillig komischen oder unverständlichen Ergebnissen.
  • Ignorieren von Maßeinheiten und Normen: Wird eine Anleitung für einen anderen Markt übersetzt, ohne Maßeinheiten (Zoll statt Zentimeter), Steckertypen oder Normverweise anzupassen, ist die Dokumentation im Zielland nicht mehr korrekt anwendbar.
  • Fehlender Kontext für Übersetzer: Wer einen Text ohne Bilder, Screenshots oder Zugang zum Produkt übersetzt, muss raten – und Raten führt bei technischen Details fast zwangsläufig zu Fehlern.
  • Keine Rückkopplung mit den Autoren: Unklarheiten im Ausgangstext werden stillschweigend „interpretiert“, statt sie zu klären. Das Ergebnis wirkt zwar flüssig, kann aber inhaltlich vom Original abweichen.
  • Vernachlässigung des Layouts nach der Übersetzung: Gerade Sprachen mit deutlich längeren Wörtern oder anderer Leserichtung erfordern eine Prüfung, ob Texte in Tabellen, Beschriftungen oder Diagrammen noch vollständig lesbar sind.
  • Verzicht auf Terminologiepflege bei Produktänderungen: Wird ein Bauteil umbenannt oder eine neue Funktion ergänzt, muss die Terminologiedatenbank sofort aktualisiert werden – sonst tauchen in der nächsten Auflage zwei Bezeichnungen für dieselbe Sache auf.

Bei sicherheitsrelevanten oder regulierten Produkten – etwa Medizintechnik, Maschinen oder elektrischen Geräten – lohnt sich zusätzlich der Blick in einschlägige Normen und, im Zweifel, die Rücksprache mit einer auf technische Übersetzungen spezialisierten Fachperson oder einem entsprechenden Dienstleister, da hier auch rechtliche Anforderungen an Formulierung und Vollständigkeit bestehen können.

Fazit

Technische Dokumentation richtig zu übersetzen bedeutet, Terminologie, Kontext und Prüfprozesse ebenso ernst zu nehmen wie die eigentliche Sprachkompetenz. Wer mit einer sauberen Terminologiedatenbank, einem Translation-Memory-System und einer mehrstufigen fachlichen sowie sprachlichen Prüfung arbeitet, vermeidet die häufigsten Fehlerquellen zuverlässig. Am Ende zählt nicht, wie elegant ein Satz in der Zielsprache klingt, sondern ob ein Leser im Zielland damit genauso sicher und korrekt arbeiten kann wie mit dem Original.

Über den Artikel

Autor
Lukas Bergmann Autor bei taeglichinformiert.de
Veröffentlicht
Kategorie
Technische Dokumentation